Plumm Pascha

Digitale Räume sind heute Bühnen der Identität. Wir inszenieren uns, werden betrachtet, bewertet, bestätigt oder ausgeschlossen, oft in Echtzeit und vor Öffentlichkeit. Zwischen Filtern, Feeds und Followerzahlen entstehen neue Formen von Macht, Zugehörigkeit und Verletzlichkeit.

Mit unserem Kurzfilm Plumm Pascha untersuchen wir diese Mechanismen durch die Linse einer über hundert Jahre alten Vorlage. Else Lasker-Schülers expressionistisches Filmskript Plumm Pascha erzählt von Masken, Verwandlungen, öffentlicher Beschämung und der Suche nach Identität – Motive, die im digitalen Zeitalter eine neue, reale Dimension bekommen haben.

Unser Film bringt literarische Avantgarde und Plattformkultur zusammen und fragt:
Wie entsteht Identität unter Beobachtung?
Wie kippt Öffentlichkeit in Urteil?
Und wer trägt Verantwortung im digitalen Raum?

Projektüberblick

Plumm Pascha ist eine intermediale Adaption, die Lasker-Schülers poetisch-groteske Bildwelt in die Ästhetik sozialer Medien übersetzt. Der Film verbindet Literaturadaption, Videokunst und Interface-Logiken zu einer zeitgenössischen Erzählform zwischen Kunstinstallation und Medienreflexion.

Das Projekt wurde als filmisches Exponat für die Ausstellung „Else Lasker-Schüler: Künstlerin, Dichterin, Weltenbauerin“ im Günter Grass-Haus Lübeck ausgewählt. Die Umsetzung wurde zudem durch ein erfolgreiches Crowdfunding ermöglicht: Danke an all unsere Unterstützer*innen.

Einordnung der Werkvorlage

Plumm Pascha ist ein Werk der Autorin Else Lasker-Schüler (1869–1945), das 1914 als Grundlage für einen Film gedacht war. Schon damals experimentierte Lasker-Schüler mit medialer Umsetzung und intertextueller Vielschichtigkeit, die in ihrem Gesamtwerk eine zentrale Rolle spielt. Als eine der bedeutendsten Autorinnen, die von der Forschung häufig dem Expressionismus zugeordnet wird, war Else Lasker-Schüler bekannt für ihre fantasievollen und teils autobiografisch geprägten Texte. Mit Figuren wie Plumm Pascha oder Prinz Jussuf von Theben erschuf sie eine poetische Welt voller mystischer Elemente, die die Grenzen von Realität und Fiktion überschritt. Nach ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten ins Exil prägten Themen wie Heimatlosigkeit und Identität ihre späten Werke.

Dieser Eskapismus in den Nahen Osten, durch den sich Lasker-Schüler wahrscheinlich mehr Sicherheit erhoffte – in einer Zeit, die von öffentlicher Diskriminierung und brutalen Übergriffen gegen ihren interkulturellen Hintergrund als jüdische Deutsche geprägt war, wird in unserer Inszenierung des Werks durch die Online-Welt von Social Media dargestellt.

Inhaltsangabe

In unserer Adaption von Plumm Pascha möchten wir die groteske Komödie in die Welt der Influencer*innen und sozialen Medienformate versetzen. Themen wie Selbstinszenierung, künstliche Authentizität und die Spannung zwischen öffentlicher Inszenierung und privatem Sein sind dabei zentrale Motive.

Plumm, eine erfolgreiche Kosmetik-Influencerin verliert durch einen Shitstorm ihre Fassade, als ihre Community sie für Doppelmoral und fehlende Authentizität an den Pranger stellt. Gleichzeitig begleiten wir Tino, die als Outdoor-Vloggerin mit ihrem Van Hassan durch die Natur zieht und mit ihrer ungeschönten Natürlichkeit eine gewisse naiv-natürliche Gegenbewegung darstellt. Die Erzählstränge verweben sich in der Rezeption von Tausenden Jugendlichen aus den zugehörigen Online-Communities zu einer kritischen Reflexion über zentrale Themen der Medienkompetenz: Was ist real, was ist inszeniert? Welche Verantwortung tragen Content Creator und User*innen?
Zwischen Macht und der Dynamik von Online-Communities stellt der Film die Frage, wie digitale Selbstdarstellung unser Miteinander prägt und welche Verantwortung alle Beteiligten der Social Media Welt tragen.

Plumm wird zur charismatischen Influencerin, deren Autorität und Macht auf ihrer Community basieren – so lange, wie diese sie unterstützt. Moderne Elemente wie entstellende Filter, die Diffamierung in digitalen Netzwerken oder die Rolle von Konsum und persönlicher Freiheit übersetzen Lasker-Schülers Motive in ein zeitgemäßes Setting. So wird die Verbrennung der Stierpriester zum Beispiel auf den Rufmord und die Diffamierung durch Plumms Online-Community übertragen. Wir zeigen auf, welche lawinenartige Macht Aussagen online auslösen können und wie komplex es ist, den Wahrheitsgehalt von Nachrichten festzustellen. Außerdem beleuchten wir finanzielle Bewegpunkte des Influencer-Markts durch Sponsoren und Kollaborationen. Die verschiedenen Rezeptionsebenen bieten Einblick in den Einfluss auf andere Ersteller von Online-Inhalten, aber auch das breitere Netz an Beteiligten und Zusehenden. Da Jugendliche durch immer leichtere Zugänge hier häufig zu allen Personengruppen gehören können, ist es wichtig und lehrreich, die Dynamiken zwischen den Gruppen zu verstehen.
Unser Ziel ist es, die künstlerische Essenz von Plumm Pascha zu bewahren und sie zugleich mit einem innovativen, intermedialen Ansatz neu zu interpretieren. Durch die Einbindung moderner Formate wie Streams, Kurzvideos und Social-Media-Posts möchten wir besonders eine jüngere Zielgruppe erreichen und den Stoff mit aktuellen Diskursen verbinden.

Das Projekt bietet nicht nur die Möglichkeit, einen nahezu unbekannten Stoff einem neuen Publikum zugänglich zu machen, sondern auch eine Plattform, um Themen wie Identität, Authentizität und moralische Verantwortung in einem modernen Kontext zu reflektieren. Dabei bespricht der Film zentrale Punkte der Medienkompetenz, die in heutiger Welt immer wichtiger werden. Vor allem in der Kindererziehung und Edukation von Heranwachsenden.

Technik

Die filmische Adaption nutzt bewusst unterschiedliche technische und visuelle Ästhetiken, um die Gegensätze zwischen den beiden Hauptfiguren Plumm und Tino erlebbar zu machen. Damit wird nicht nur die Handlung transportiert, sondern auch der jeweilige Medienkosmos kritisch reflektiert, in dem sich die Figuren bewegen und Fragen nach der jeweiligen Realität gestellt werden.

Plumms Welt ist geprägt von inszenierter Hochglanz-Ästhetik: Sie tritt als Influencerin in einem voll ausgestatteten Streaming-Studio auf mit Greenscreen, Studiolicht, professionellem Mikrofon und einer Vielzahl digitaler Effekte. Besonders auffällig ist der Einsatz von Social-Media-Elementen wie Kommentar-Overlays, Filterverzerrungen, Emojis und Push-Benachrichtigungen, die als visuelle Erweiterung ihres digitalen Kosmos fungieren. Die Ästhetik ist überdreht, künstlich, laut. Eine bewusste Überzeichnung der Filterblasen-Realität, in der Plumm sich bewegt und inszeniert.

Tinos Welt bildet dazu den visuellen und technischen Kontrapunkt. Ihre Aufnahmen entstehen in natürlichem Licht, mit atmosphärischem Originalton und beeindruckenden Naturaufnahmen. Sie kocht, spricht in die Kamera vor ihrem Van, ganz ohne Filter oder Kunstlicht. Dadurch entsteht eine scheinbar ungeschönte, dokumentarische Ästhetik, die jedoch auch zeigt: Auch Natürlichkeit ist eine Form von medialer Inszenierung, nur eben vielleicht etwas subtiler.

Der Einsatz von Greenscreen wird nach dem Shitstorm und in der letzten Szene ironisch gebrochen, wenn Plumm allein vor einem grünen Hintergrund steht, ohne Illusion, ohne Community, ohne Maske. So macht der Film auch formal sichtbar, was inhaltlich verhandelt wird: die Konstruktion von Identität und Realität im digitalen Raum. Eine Adaption der Täuschung von Tinos Person durch einen Spaßmacher im Original von Lasker-Schüler.

Ausstellungseröffnung in Lübeck

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Faschingskonzerte der Hochschule für Musik und Theater München